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Städtischer Musikverein Soest e. V.

Unsere Geburtstagsfeier vom 20.11.2010

Festvortrag von Dr. Norbert Wex

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

in festlicher Stimmung sind wir versammelt, voll hoher Erwartungen: Eine rauschende Ballnacht ist uns verheißen. Vor uns liegt ein fast unbeschwerter Genuss - fast unbeschwert deshalb, weil eine deutsche Tradition verlangt, dem leichtsinnigen Rausch noch etwas Ernsthaftes voranzustellen. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen - Ohne Fleiß kein Preis - Erst die Pflicht, dann die Kür - das sind nicht einfach alte Floskeln, das steckt ganz tief in uns.

In dieser Falle saßen auch die Veranstalter des heutigen Abends: Feiern ja - aber vorab noch ein kleiner Vortrag. Wie ernst ihnen diese Pflicht ist, demonstrieren sie dadurch, dass sie ausgerechnet einen Archivar auf die Bühne bitten, von dem man solide Fakten, aber ganz sicher kein elegantes Entertainment erwarten kann. Erst nach dieser symbolischen Anstrengung darf - endlich - der Champagnerrausch des Festes seinen Siegeszug antreten.

Zwanzig Minuten wollte ich knallharte Fakten bieten, wollte Vorsitzende und Vorstände, Dirigenten und Veranstaltungen, Mitglieder und Mäzene Revue passieren lassen, um Ihnen das beruhigende Gefühl zu geben, dass Sie sich den anschließenden Ball redlich verdient haben.

Irgendwann kamen die Veranstalter aber offenbar ins Grübeln: Wollen wir denn wirklich so einen Archivars-Vortrag? Besteht nicht die Gefahr, dass Wex die Stimmung nicht nur etwas dämpft, sondern unwiederbringlich tötet? Ausladen konnten sie mich nicht mehr - und so sind sie nur etwas zurückgerudert und haben meinen Vortrag in der Presse als eine humoristische Zeitreise angekündigt. Das klingt gut, ist aber leider nicht richtig - man Ihnen zuviel versprochen.

Immerhin: Meine Faktensammlung habe ich doch lieber beiseite gelegt. Ohnehin interessiert mich anderes mehr - nämlich der Gründungszeitpunkt, der uns wohl vertraut, tatsächlich aber keineswegs selbstverständlich ist. Die Entstehung des Musikvereins war nicht zufällig und seine Fortdauer bis heute nicht zwangsläufig. Was hat es mit seinem Alter des auf sich?

150 Jahre - das hört sich zunächst uralt an. Was hat sich seitdem nicht alles getan im Musikbetrieb. Da fallen einem mancherlei Fragen ein: Hat sich der Verein gewandelt? Ist er nur noch durch den Namen mit der Zeit um 1860 verbunden und heute etwas ganz anderes als damals? Oder ist er ein Überrest aus alter Zeit, ein Relikt, mühsam am Leben erhalten? Brauchen wir ihn derzeit noch - und in Zukunft?

Wir alle sind uns der Antworten gewiss. So ein bedeutender Verein - da kann man eher umgekehrt fragen: 150 Jahre - warum so jung? Für uns Historiker ist das mitten in der Neuzeit, und im Archiv habe ich täglich mit weit älteren Dingen zu tun. Wenn der Musikverein tatsächlich wichtig oder gar unentbehrlich ist, warum gibt es ihn nicht schon viel länger? Angesichts der riesigen Tradition unserer Heimatstadt könnte man meinen, dass der Verein eher seinen 750. oder gar 1000. Geburtstag feiern sollte. Warum haben die Salzsieder des 7. Jahrhunderts ebenso auf eine Gründung verzichtet wie die Fernhändler der Stauferzeit?

Eine erste Antwort erscheint einfach, wenn man die Betonung auf Musikverein legt: Vereine sind im 19. Jahrhundert etwas ganz Neues. Wurde man zuvor in Stände, Genossenschaften, Gilden oder Zünfte hineingeboren, trat nun der Verein als freiwilliger, zeitlich begrenzter Zusammenschluss zu einem bestimmten Zweck seinen Siegeszug an. Dieses Phänomen war untrennbar mit der bürgerlichen Gesellschaft verbunden, die sich in Deutschland allmählich herausbildete.

Wir sprechen hier über einen enormen Umbruch, der uns bis heute prägt. Das bürgerliche Zeitalter verwandelte Recht, Religion und Politik, Produktion und Vertrieb, Medien und Kommunikation, Technik und Wissenschaft - und nicht zuletzt die Kunst und namentlich die Musik. Ebenfalls neu ist der Musiker als künstlerischer Typus, als eine besondere, respektierte Figur. Vieles, was uns heute vertraut ist, kam damals gerade auf, war alles andere als selbstverständlich.

Natürlich gab es auch vor 1800 massenhaft Musik und Musiker - ihr Prestige und sozialer Rang waren allerdings bescheiden. Am besten ging`s noch an exklusiven Adelshöfen zu, an denen anspruchsvolle Orchester- und Kammermusik gepflegt wurden - aber noch ganz als gesellige Vergnügen und keineswegs als eigenständige Konzertmusik. Wichtig war zudem die Kirchenmusik - aber auch nicht als Kunst, sondern zum Gotteslob.

Musik war eingebunden in bestimmte Zwecke, die außerhalb ihrer selbst lagen: Es ging um Religion und Ritual, um Jagd und Militär, um Tanz, Fest oder Geselligkeit. Von autonomer Kunst konnte noch keine Rede sein.

Schauen wir nach Westfalen und vor allem auf Soest. Was gab es hier an Musik und an Musikern, neben den schlecht gestellten kirchlichen Musikhandwerkern? Verbreitet und populär waren derbe Volkstänze und Volkslieder, oft mit spöttischen Texten, nicht selten kritisch gegen die Obrigkeit. Ihre Schöpfer und Interpreten waren nicht gut gelitten: Spielleute, fahrendes Volk, Menschen mit zweifelhaftem Rufe, denen man alles Mögliche zutraute. Die Vorläufer unserer heute so geschätzten Künstler zählten zu den sozialen Randgruppen der Vormoderne: Unbehaust und heimatlos, nicht passend ins ständische Ordnungsschema, wurden sie vertrieben, verdrängt und bekämpft. In Soest galten sie als erblich ehrlos, und wenn ein ehrlicher Mann vom Stadtrat ein Leumundszeugnis brauchte, wurde ihm ausdrücklich bescheinigt, dass er nicht von einem Musiker abstammte. Man traute ihnen nicht, diesen Spielmännern, deren musikalische Wirkung man wohl mochte, aber auch fürchtete. Im Märchen vom Rattenfänger von Hameln sind diese suggestive Kraft und ihre Gefährlichkeit sinnfällig dargestellt. Dantzen na erer pipen - so beschrieb der Satiriker Daniel von Soest diesen Effekt, aus dem sich das moderne Sprichwort „nach ihrer Pfeife tanzen“ entwickelt hat.

Erst allmählich schaffte es ein Teil dieser Spielleute, sesshaft zu werden, fest in Lohn und Brot zu kommen und Stellungen als Stadtpfeifer und Stadtmusiker zu ergattern. In Soest gab es diese neue Berufsgruppe früh und es gelang ihr, bald Anschluss an das einfache Bürgertum zu gewinnen. Sie zogen gleich mit den - auch nicht besonders geschätzten - Kantoren und Organisten - und konnten sogar für Bürgerstöchter heiratsfähig werden. Ihre Stellung bleibt aber unsicher und abhängig von einem untadligen Lebenswandel.

Das Tätigkeitsspektrum zeigt die dienende Funktion dieser Stadtmusiker: Vorrangig hatten sie für städtische Zwecke, bei Hansetagen und repräsentativen Veranstaltungen, bereit zu stehen. Wenn nötig wurden sie zusätzlich als Türmer eingesetzt - wenig vergnüglich und nicht sonderlich renommiert. Zweifellos boten Hochzeitsfeste den wichtigsten Nebenerwerb. Sie spielten aber auch auf Prozessionen und Umzügen, auf Volks- und Richtfesten, sie spielten das Soester Gloria und andere Festmusik und begleiteten im Jahr 1582 musikalisch den spektakulären Fallschirmflug des wunderbarliken Fliegers vom Turm der Petrikirche, der leider tödlich endete.

Mit der Professionalisierung und Verbürgerlichung der Stadtmusiker stieg zwar ihr Prestige ein wenig, zugleich verloren sie aber Kompetenzen, die den freien Spielleute noch zugetraut wurden, die zusätzlich noch Wahrsager und Artisten, Taschenspieler oder Tänzer sein konnten.

Vielleicht darf ich noch knapp andeuten, dass es in unserer Gegend nicht zum Besten stand mit der Qualität der Musikpflege. Die Blütezeit der barocken geistlichen Musik ging jedenfalls an Soest und anderen westfälischen Städten weitgehend vorbei, trotz verbreitet guter Orgeln. Und auch die weltliche Musik wurde höheren Ansprüchen kaum gerecht. So fällte Justus Möser, sicher ein begeisterter Westfale, gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein hartes Urteil: In der Pflege der Dichtung und Kunst stehen wir Westfälinger hinter den anderen deutschen Volksstämmen weit zurück; die freundliche Gottheit des Liedes liebt leicht entzündliche und fröhliche Naturen, wir aber sind zu ernst, zu gründlich und schwerfällig.

Keine leichte Zeit für die Musik, nicht nur in Westfalen. Aber Besserung war in Sicht, ja sogar ein fundamentaler Wandel. Im Bereich der höfischen Musik hatte er sich angedeutet, und auch in Westfalen gab es seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Ansätze einer gesellschaftlichen Öffnung für ein breiteres - bürgerliches - Publikum.

Damit sind wir beim Schlüsselbegriff: Die moderne „ernsthafte“ Kunst und Musik sind untrennbar mit der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft verbunden - ja mehr noch: Kunst wird zu dem zentralen Medium der Selbstvergewisserung und Selbstkonstitution des Bürgertums. Das klingt kompliziert und ist es leider auch. Die Entstehung des bürgerlichen Werthimmels beschäftigt die Historiker seit Generationen.

Sicher ist: Die Bürger brauchten die Kunst als Bestandteil einer neuen Sinnsuche, nachdem die Religion ihre Monopolstellung verloren hatte. Nun gewinnt Kunst und allen voran Musik einen höheren, fast absoluten Rang. Zu Recht ist geradezu von einer „Kunstrevolution“ gesprochen worden. Die Musik löst sich aus den alten Dienstbarkeiten und Bindungen und gibt sich selbst Ziel und Gesetz, sie - und niemand anderes - definiert ihren Anspruch. Kunst wird autonom.

Ganz konkret: Dass sich Musiker frontal vor ein Publikum stellen und von diesem stumme Konzentration auf die Sache erwarten - und erwarten können - das ist neu und das ist bürgerlich. Der Genuss von Musik als Kunst wird etwas ganz Eigenes - nicht einfach beim Essen und Trinken - nicht nur notwendiger Antrieb beim Tanzvergnügen - nicht nur Repräsentation und Ritual - nein ein Akt innerer Bereicherung oder gar Erhebung in höhere Sphären: ein gewaltiger Anspruch an die Musik und die Kunst insgesamt.

In der Folge genügten die alten Spielleute und Türmer, die Stadtpfeifer und mies bezahlten Kantoren nicht mehr, um das so ambitionierte bürgerliche Publikum nicht einfach zu erfreuen, sondern zu besseren Menschen zu machen. So vornehme Musik verlangt nach passendem Personal. Musiker lernen nun nicht mehr wie Handwerker, sondern sie „studieren“, sie sind nicht länger derbe Gesellen, sondern sensibel und fein, edel gekleidet und nie schmutzig, möglicherweise etwas esoterisch und ganz sicher keine Spießbürger. Sie hassen Zwang und Knechtschaft, sie verabscheuen es, den Geboten des schnöden Mammons unterworfen zu sein, sie wirken im höheren Auftrag - für die Menschheit - oft nicht einmal für die jetzige, sondern für eine zukünftige, hoffentlich bessere.

Wir alle haben solch noble, respekteinflößende Figuren vor Augen - umgeben von einer Aura des Kreativen, des Unantastbaren, ja manchmal des Genialen. Klein fühlen wir schlichten Bürger uns in Gegenwart derart edler Gestalten, die so viel näher an der Vollendung des Menschengeschlechts zu sein scheinen… Aber etwas Trost kann der Blick in die Vergangenheit doch stiften: Das war nicht immer so, das ist kein Naturgesetz, das haben wir Menschen gerade erst erfunden.

Liebe Musikfreunde, natürlich wussten Sie auch vor meinem Vortrag, dass Musik hohe eigene Bedeutung hat und nicht einfach Begleiterscheinung oder Nebengeräusch ist. Auch Musiker haben Sie nicht in mittelalterlicher Weise als anstößige Randgruppe wahrgenommen. Aber ich betone noch einmal: Das enorme Prestige von Kunst und Musik ist nicht selbstverständlich, sondern aus Sicht eines Archivars ziemlich neu.

Folglich kann auch unser Musikverein keine 1000 oder 500 Jahre alt sein - er ist natürlich nicht älter als das Phänomen, das er propagieren will. Dass seine Wurzeln sogar bis 1820 zurückreichen ist so beachtlich wie zeittypisch. Ähnlich alt ist auch der Männergesangsverein „Liedertafel“, mit dem der vielzitierte singende deutsche Mann in Soest Einzug hielt. Mit der Gründung des Musikvereins passierte hier dasselbe wie vielerorts: Es bildete sich ein Organ zur Förderung der so hoch geschätzten Musik. Impuls und Engagement kamen aus der Stadtgesellschaft. Der bürgerliche Verein und die bürgerliche Musikkultur gingen Hand in Hand, waren zwei Kinder derselben Entwicklung.

Und heute? Wie steht der Verein im 21. Jahrhundert? Vor einer Antwort muss ich ein letztes Mal die bürgerliche Gesellschaft strapazieren. Analog zur Kunst schuf sie nämlich eine Kulturpolitik, die der neuen Bedeutung von Kunst Rechnung trug. Kunst und Musik werden Aufgabe kommunaler Förderung. Geradezu als Sinnbild dafür steht Bürgermeister Coester, der den Verein mit gründete und als Aktiver zahlreiche Solopartien selbst sang. Das öffentliche Mäzenatentum gewinnt mehr und mehr an Gewicht, bis der Musikverein geradezu in städtische Regie überging. 1934 stellte Soest - und nicht etwa der Verein - einen hauptamtlichen Dirigenten mit dem Titel eines städtischen Musikdirektors ein. Ebenso bezahlte die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg ein neu gegründetes Streichquartett, die Keimzelle des Collegium Musicum.

Finanzierung und Einflussnahme - die Spielräume kommunaler Kulturaufgaben waren immer umstritten. Geld erschien zu allen Zeiten knapp. Zum 100. Vereinsgeburtstag tadelt der Chronist Gotwin Elbert - erbittert über städtische Sparmaßnahmen - den Einfluss aller Wirtschaftlichkeitserwägungen in Kulturfragen mit dem bösen Wort der Zuständigkeit der Unzuständigen und meinte damit das fatale Wirken der durchschnittlichen Ausschüsse und Behörden in Sachen Kultur. Zum 125. geißelt er als erschütternde Folge städtischer Sparsamkeit, dass sogar die Lippstädter Nachbarn … Soest im attraktiven klingenden Angebot längst überrundet haben - für den begeisterten Soester Musikfreund ein Albtraum.

Der Blick in die aktuelle Festschrift zeigt: Stadt und Verein verstehen sich als Partner und arbeiten gerne zusammen, aber die Zeiten sind seit den letzten Jubiläen nicht leichter geworden. Wo die öffentliche Hand nicht mehr tun kann und der Markt nicht mehr hergibt, ist erneut die Bürgerschaft oder wie es modern heißt die Zivilgesellschaft stärker gefordert. Wenn wir die Pflege der Musik einschließlich der Musikschule mit ihrem breiten Bildungsangebot erhalten möchten, dann ist es an uns, viel dafür zu tun. Und wir brauchen nicht einmal einen Verein zu gründen - der ist ja schon da. Und damit ist auch die Frage nach der Aktualität bestens zu beantworten: Von wegen Relikt aus alter Zeit! Wenn etwas in Soest aktuell ist, dann sind es unsere kulturtragenden Vereine, die das Engagement der Bürger in der „Kulturstadt Soest“ organisieren.

Daher gratulieren wir nicht nur dem Musikverein zum Geburtstag, sondern auch uns, der Soester Stadtgesellschaft, zu diesem Verein. Er ist nicht uralt, aber auch nicht mehr jung - vor allem aber ist er auf der Höhe der Zeit und unentbehrlich, wenn wir an unserer Kultur festhalten wollen. Und wenn er auch 150 Jahre alt ist, so hat er angesichts seiner großen Aufgaben die Zukunft noch vor sich. Den heute Abend vermissten 500. und 1000. Geburtstag jedenfalls wird er spielend erreichen.


Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Norbert Wex, Städtischer Oberarchivrat der Stadt Soest. Kontakt siehe Verein für Geschichte und Heimatpflege Soest e.V.

A. H. 2002-2012

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